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Montag, 17. Juni 2019, 08:27

Der kommende Fürst: Kapitel 5

Der kommende Fürst: Kapitel 5

Das prophetische Jahr

Im englischenFussnote Sprachgebrauch muss es seltsam klingen, wenn man den Begriff «Wochen» für etwas anderes als für die herkömmliche Bezeichnung einer Zeitspanne von sieben Tagen benutzt. Bei den Juden war das aber ganz anders. Nach ihrem Sprachverständnis konnte das Wort «Woche» fast genauso natürlich eine Zeitspanne von sieben Jahren wie eine solche von sieben Tagen bezeichnen. Denn im jüdischen Sprachgebrauch hat der Begriff «Woche» eine generellere Bedeutung als in unserem SprachgebrauchFussnote. Die Benutzung des Begriffs als eine Bezeichnung für sieben Jahre in der Prophetie ist also kein willkürlicher Symbolismus, sondern einfach ein Gebrauch eines nicht ungewöhnlichen, sondern problemlos zu verstehenden AusdrucksFussnote.

Daniels Gebet hatte sich auf eine Zeitspanne von siebzig Jahren bezogen; die Antwort auf dieses Gebet bezog sich auf eine Periode von sieben mal siebzig Jahren, die noch kommen würden. Niemand wird ernsthaft bezweifeln, dass es sich hier um einen Zeitraum von Jahren handelt, aber hier stellt sich nun eine Frage, der bislang noch keine ausreichende Beachtung geschenkt worden ist: Welcher Jahresbegriff liegt der Prophetie zugrunde? Sicher ist, dass das jüdische Jahr luni-solar ist. Wenn der Überlieferung geglaubt werden kann, hat Abraham in seiner Familie die aus seiner chaldäischen Heimat bekannte Zählweise bewahrt, wonach ein Jahr 360 Tage dauereFussnote. Anhand der Angaben zur Sintflut, wo die Zeit zwischen dem siebzehnten Tag des zweiten Monats und dem selben Tag im siebten Monat auf 150 Tage beziffert wird, kann davon ausgegangen werden, dass diese Zählweise die früheste Art der Umrechnung von Tagen in Jahre gewesen ist, die unsere Rasse gekannt hat. Sir Isaac Newton hielt fest, dass alle Nationen die Monate anhand des Mondzyklus und die Jahre anhand der Jahreszeiten bestimmt hätten, bevor bekannt gewesen sei, dass das Solarjahr immer genau gleich lang dauert. Den Festkalendern sei die Annahme zugrunde gelegt worden, dass ein (lunarer) Monat immer 30 Tage und ein Jahr immer zwölf Monate dauere, weil das die jeweils nächsten runden Zahlen gewesen seien. Von daher stamme auch die Aufteilung der (scheinbaren) Bahn der Sonne am Himmel in 360 Grad. Sir G. C. Lewis betonte darauf aufbauend, dass alle glaubhaften Zeugnisse und alle vorgeschichtlichen Wahrscheinlichkeiten dafür sprächen, dass ein Solarjahr zwölf Lunarmonate enthalten habe, was (unter Berücksichtigung einer gewissen Fehlerwahrscheinlichkeit) generell von allen Nationen rund um das Mittelmeer schon von Urzeiten her anerkannt gewesen seiFussnote.
Überlegungen dieser Art führen uns allerdings nicht weiter als bis zur Erkenntnis, dass es legitim und wichtig ist, die hier gestellte Frage zu beantworten. Nach wie vor bleibt die Frage offen, ob irgendeine Grundlage für die Annahme existiert, dass es sich bei den Jahren, auf die sich die Prophezeiung von Daniel bezieht, wirklich um solche bürgerliche (luni-solare) Jahre handle. Bei der Beantwortung dieser Frage hilft uns der Umstand, dass sich die Zeitspanne der Prophezeiung offensichtlich auf das Siebenfache jener siebzig Jahre der Verwüstung bezieht, die Daniel im Kopf hatte. Wenn wir also feststellen können, wie lange eines jener siebzig Jahre dauerte, wissen wir auch, welche Zählweise der Prophezeiung zugrunde liegt.

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Montag, 17. Juni 2019, 08:28

Eines der charakteristischen Gebote des jüdischen Gesetzes sah vor, dass das Land jedes siebte Jahr brach liegen gelassen werden musste (sog. Sabbatjahr). Die Zeit der Verwüstung stand in einem unmittelbaren Zusammenhang mit der Vernachlässigung dieses Gebotes, denn sie sollte so lange dauern, «bis das Land seine Sabbate nachgeholt hätte. Alle Tage seiner Verwüstung hatte es Ruhe, bis siebzig Jahre voll waren» (2. Chron 36, 21; vgl. 3. Mose 26, 34. 35). Im Vordergrund des Gerichtes stand also nicht eine zerstörte Stadt, sondern ein durch die Plage einer feindlichen Invasion verwüstetes Land (vgl. Jer 27, 13; Hagg 2, 17), das durch Hunger und Pest weiterhin verwüstet bleiben sollte – als Zeichen des göttlichen Missfallens. Es ist also offensichtlich, dass die wahre Epoche des Gerichts nicht, wie allgemein angenommen wird, mit der Einnahme Jerusalems, sondern mit dem Einmarsch der feindlichen Mächte in Judäa begonnen hat. Von der Zeit an, als die babylonischen Armeen das Land betraten, wurden sämtliche landwirtschaftlichen Tätigkeiten aufgegeben. Die Zeit der Verwüstungen begann also von jenem Tag an, als Jerusalem belagert wurde, das heisst am zehnten Tag des zehnten Monats im neunten Jahr Zedekias. Das war der Beginn der Epoche, wie er Hesekiel im Exil an den Ufern des Euphrats offenbart wurde (Hes 24, 1. 2). Dieser Tag wird übrigens seit mittlerweile 24 Jahrhunderten von den Juden in allen Ländern als ein Fastentag begangen.

Auch das Ende dieser Ära wird in der Heiligen Schrift mit derselben Bestimmtheit genannt, und zwar als der 24. Tag des neunten Monats im zweiten Jahr von DariusFussnote. Das prophetische Wort lautete: «Richtet doch euer Herz auf die Zeit von diesem Tag an und aufwärts; vom vierundzwanzigsten Tag des neunten Monats an, von dem Tag an, als der Tempel des Herrn gegründet wurde, richtet euer Herz darauf! (…) Von diesem Tag an will ich segnen» (Hagg 2, 18. 19). Die Zeit zwischen dem zehnten Tag des Monats Tevet 589 v. Chr.Fussnote bis zum 24. Tag des Monats Kislew 520 v. Chr.Fussnote dauerte 25 202 Tage und siebzig Jahre von je 360 Tagen dauern exakt 25 200 Tage. Daraus können wir schliessen, dass die Ära der Verwüstung eine Periode von 70 Jahren à 360 Tagen gewesen ist, die am Tag nach der Belagerung Jerusalems durch die babylonischen Armee begonnen und am Tag vor der Grundlegung des zweiten Tempels geendet hatFussnote.

Doch da ist noch mehr: Die Zeit der Verwüstung ist mit der Vernachlässigung der Sabbatjahre begründet worden (2. Chron 36, 21; 3. Mose 26, 34. 35). Diese Zeit der Verwüstung ist auf siebzig Jahre festgesetzt worden, was bedeutet, dass das Land siebzig Sabbatjahre nachholen musste. Folglich muss die Zeit zwischen jenem Datum, in dem Israel seine vollen nationalen Privilegien erlangt hat und damit definitiv gehalten gewesen ist, seinen Verpflichtungen vollumfänglich nachzukommen, und dem Ende der siebzig Jahre von «Judas Beschämung» siebenmal siebzig Jahre gedauert haben. Das ist tatsächlich der Fall: Vom Jahr, das der Weihung von Salomos Tempel gefolgt ist, bis zum Jahr vor der Grundlegung des zweiten Tempels sind 490 Jahre mit je 360 Tagen vergangenFussnote.

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Allerdings muss zugegeben werden, dass eine Argumentation, die ausschliesslich auf solchen Berechnungen beruht, für sich allein noch nicht den definitiven Beweis erbringen kann, dass das prophetische Jahr auch wirklich 360 Tage gedauert hatFussnote. Die einzige Grundlage, die uns überzeugen kann, ohne Vorbehalt einzuräumen, dass das prophetische Jahr 360 Tage dauert, kann nur ein Nachweis sein, dass ein Teil dieser Ära einmal in Jahren und einmal in Tagen gemessen wird. Kein anderer Beweis kann völlig befriedigen. Umgekehrt lässt ein solcher Beweis aber keinen Zweifel mehr zu. Tatsächlich finden wir genau einen solchen Beweis im Buch der Offenbarung.

Wie bereits bemerkt gliedert sich die prophetische Ära in zwei Perioden, nämlich einmal in 7 + 62 Wochen und einmal in eine einzelne WocheFussnote. Im Zusammenhang mit diesen beiden Epochen werden zwei «Fürsten» in den Fokus gerückt, nämlich einerseits der Messias und andererseits ein Fürst jenes Volkes, durch das Jerusalem zerstört werden soll – eine Persönlichkeit von solcher Vormachtsstellung, dass bei seinem Kommen mit Selbstverständlichkeit angenommen wird, es handle sich um Christus persönlich. Die erste Ära endet mit dem «Wegtun» des Messias; die zweite Ära beginnt mit der Unterzeichnung eines «Bundes» oder Vertrages durch diesen zweiten «Fürst» mit den oder vielleicht zugunsten «der Vielen»Fussnote, das ist die jüdische Nation, möglicherweise im Gegensatz zu einem kleinen Anteil von Gottesfürchtigen, die sich nicht daran beteiligen werden. In der Mitte der Woche wird der Vertrag durch eine Unterdrückung der jüdischen Religion verletzt, und eine Zeit der Verfolgung wird beginnen.

Daniels Vision enthält einen auffallenden Kommentar zu diesen Ereignissen. Die Identität des vierten Tiers als das römische Reich steht unzweifelhaft fest, und wir lesen, dass ein «König» aufstehen soll, der territorial mit diesem Reich verbunden ist, historisch aber zu einer späteren Zeitepoche gehört. Er wird ein Verfolger der «Heiligen des Höchsten» sein, und sein Fall wird unmittelbar von der Erfüllung der göttlichen Segnungen für das bevorzugte Volk gefolgt werden – also genau jenem Ereignis, das das Ende der «siebzig Wochen» darstellt. Die Dauer dieser Verfolgung wird als «eine Zeit und Zeiten und eine halbe Zeit» bezeichnet. Die Bedeutung dieses mysthischen Ausdrucks wäre uns wohl nicht genau bekannt, wenn er in der Heiligen Schrift nicht nochmals als ein Synonym für dreieinhalb Jahre beziehungsweise für die Hälfte der prophetischen Woche verwendet würde (Offb 12, 6. 14). Vor diesem Hintergrund kann kein ernsthafter Zweifel an der Identität des in Dan 7, 25 erwähnten Königs bestehen: Es handelt sich dabei um das erste «Tier», das in Offb 13 vorgestellt wird. In der Offenbarung wird er mit einem Leopard, mit einem Bär und mit einem Löwen verglichen – Daniels ersten drei Tieren. Im Buch Daniel werden zehn Königreiche erwähnt, die durch zehn Hörner symbolisiert werden. Dasselbe finden wir in der Offenbarung. Gemäss Daniel soll der König grosse Worte gegen den Höchsten sprechen und die Heiligen des Höchsten ausrotten; gemäss der Offenbarung wird er seinen Mund in einer gotteslästerlichen Weise gegen Gott öffnen, und es wird ihm gegeben werden, Krieg gegen die Heiligen zu führen und sie zu überwinden. Gemäss Daniel sollen die Heiligen eine Zeit und Zeiten und eine halbe Zeit in seine Hand gegeben werden; gemäss der Offenbarung wird ihm Macht gegeben für 42 Monate.

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Montag, 17. Juni 2019, 08:29

Natürlich ist es nicht ausgeschlossen, dass die Prophetie die Karrieren von zwei verschiedenen Männern vorhersagt, die sich weitgehend gleichen, die denselben Kurs unter denselben Umständen für eine gleich lange Zeit von dreieinhalb Jahren verfolgen werden, aber die natürlichere und naheliegendere Annahme ist, dass die beiden identisch sind. Angesichts der prophetischen Natur kann die Identität logischerweise nicht bewiesen werden, aber uns liegt hier eine Beweislage vor, die einer Jury genügen würde, um Menschen zu verurteilen und zu bestrafen.

Bei der siebten Woche handelt es sich also um eine Zeit von sieben Jahren und die Hälfte dieser Periode wird dreimal als «eine Zeit, Zeiten und eine halbe Zeit» beziehungsweise als «die Hälfte der Zeit» (Dan 7, 25; Dan 12, 7; Offb 12, 14), zweimal als 42 Monate (Offb 11, 2; Offb 13, 5) und zweimal als 1 260 Tage (Offb 11, 3; Offb 12, 6) bezeichnet. Nun entsprechen 1 260 Tage genau 42 Monaten von je 30 Tagen oder dreieinhalb Jahren von je 360 Tagen; dreieinhalb julianische Jahre würden dagegen 1 278 Tage enthalten. Daraus folgt, dass das prophetische Jahr nicht das julianische Jahr, sondern das altertümliche Jahr von 360 Tagen istFussnote.


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